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Projekt

Das Haus war mehr als die Hälfte seines 400-jährigen Bestehens getrennt in einen Ost- und Westteil. Wesentlicher Entscheid für die heutige Lösung war es, diese Trennung wieder aufzuheben und das bisherige Volumen durch einen östlichen Anbau zu ergänzen. Dabei sind vier unabhängige Einheiten entstanden: Über dem gastronomisch genutzten Kellergeschoss befinden sich zwei grosse Wohnungen, deren Wohnteil im östlichen Anbau liegt. Ganz oben folgt eine Dachwohnung. Dem Gebot der inneren Verdichtung folgend, sind fast 600 m2 Bruttogeschossfläche auf 400 m2 Landfläche entstanden. Dennoch schaffen Erschliessung und differenzierte Aussenräume schaffen ein gewisses Mass an Individualität für die drei Wohnungen. 

Bau

Das mehrheitlich aus dem frühen 17. Jahrhundert stammende Kerngebäude wurde in seiner Struktur weitgehend erhalten. Von der Kellerdecke bis zum Dachstuhl blieb die Mehrheit der tragenden Teile erhalten. Über den historischen tragenden Balken wurden die Decken so ertüchtigt, dass sie hohen Ansprüchen an Brand- und Schallschutz sowie Dichtigkeit entsprechen. Kellerdecke und Dachstuhl sowie die Südfassade wurden hochgedämmt. Die historischen Putzfassaden wurden erhalten  und massvoll von innen gedämmt. Die nur rund 70-jährigen Fenster wurden durch Dreifach-Isolierverglasungen mit schmalen Profilen ergänzt. Die beiden Anbauten wurden aus Holzelementen erstellt, der östliche (beheizte) ist hochgedämmt.

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Denkmalpflege

Das über 400-jährige Gebäude sollte nach Abschluss der Bauarbeiten nicht in neuem Glanz erstrahlen, sondern, in Würde erhalten und erneuert, seine Geschichte ablesbar machen. Vieles ist erhalten, darunter die Tragstruktur des Kernbaus bis zum Dachstuhl, aber auch Wandmalereien aus der Erbauungszeit, die sorgfältig restauriert wurden. 

Einige neue Elemente wurden alten nachempfunden, andere sind auf den ersten Blick als neu erkennbar. Auf die Imitation oder Rekonstruktion von historischen Elementen wurde verzichtet. 

 

An vielen Bauteilen sind verschiedene historische Phasen ablesbar. So lagen die Fenster zur Erbauungszeit vermutlich nicht dort, wo sie heute (und seit vielen Jahren) liegen. Auch die Türen in die nördlichen Räume sind ganz offensichtlich erst nachträglich an ihrer heutigen Lage entstanden, ebenso ist der jetzt erhaltene Verputz jüngeren Datums. Die Kassettendecken, welche ebenfalls restauriert wurden, waren lange unter neueren Schichten verborgen.

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Energie

Das über 400-jährige Gebäude 

verbraucht nicht nur wenig Energie, es produziert auch Energie.  Für einen tiefen Verbrauch sorgt die hohe Qualität der Gebäudehülle,  die, soweit sinnvoll und vertretbar, hoch gedämmt ist. Der Produktion von Energie dienen je eine Solaranlage auf dem Dach und der Fassade des Anbaus. Während auf dem Dach nur Strom produziert wird, erzeugt die Fassade Strom und Wärme. Solare Wärme und Erdwärme erlauben es, eine Wärmepumpe hocheffizient zu betreiben.  Ihr tiefer Stromverbrauch kann, über das Jahr betrachtet,  gedeckt werden durch die eigene Produktion von Solarstrom.  So wird das Haus zum (nach Minergie A zertifizierten) Null-Energie-Haus. Es produziert jährlich so viel Strom, wie benötigt wird, um die drei Wohnungen zu beheizen und mit Warmwasser zu versorgen.  Erste Ergebnisse stimmen zuversichtlich: Die anvisierte Jahresproduktion an Solarstrom von 6'500 Kilowattstunden wurde bereits nach neun Betriebsmonaten erreicht.

Sozial & lokal

Das Mesmerhaus birgt seit jeher zwei Wohnungen. Hinzugekommen ist eine dritte, kleinere Wohnung sowie ein kleines gastronomisches Lokal. Hier werden lokale Produkte (insbesondere Ermatinger Wein) ausgeschenkt und auch verkauft. Das Lokal, mit begrenzten Öffnungszeiten und einem einfachen Angebot ist auch Treffpunkt. Für Menschen aus dem Dorf, für Besucher, für Zugezogene, für Junge und Alte. Und es ist ein Schaufenster in ein aussergewöhnliches Gebäude, indem es Einblick in Bau und Technik gewährt. 

 

So wie die Gastronomie der Region verpflichtet ist, ist es auch der Bau: Zwei Drittel der Wertschöpfung ist durch Ermatinger Gewerbebetriebe erbracht worden, der Rest stammt fast ausschliesslich aus der engeren Region.

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Beteiligte

Die Entwicklung eines solchen Projekts braucht Träume, Visionen, aber auch Erfahrung, Bodenhaftung und Realitätssinn. Dazu beigetragen haben Ernst Kreis, Zimmerpolier, Ermatingen und Paul Grunder, Holzbau-Ingenieur aus Teufen mit ihrer langjährigen Erfahrung im Umgang mit historischen Holzbauten. René Naef, mehrfach ausge- zeichneter Enegieingenieur aus Zürich, war für das Energie- und Haustechnikprojekt verantwortlich. Dr. Michel Haller, Leiter Forschung im Institut für Solartechnik der Hochschule Rapperswil, hat die Ausarbeitung des Energiekonzepts beratend begleitet. Christian Renken von CR Energie in Collombey hat die besondere Solarfassade konzipiert. Rolf Zurfluh aus Helsighausen der als Restaurator bis in den Vatikan tätig ist, war massgeblich beratend und mit seinem Atelier mit Restaurierungsarbeiten betraut. Stahlbetoningenieur war Tobias Rapp aus Frauenfeld. Wertvolle Unterstützung bei Fragen von Schall, Wärme und Feuchte leistete Richard Zehnder aus Winterthur. 

Architektur und Bauleitung lagen in der Verantwortung von Mitarbeitern und Lehrlingen von dransfeldarchitekten ag in Ermatingen, mit Florian Brune als massgeblichem Projekt- und Bauleiter.